Außenlager des KZ-Buchenwald

Das KZ-Außenlager Markkleeberg, das administrativ dem Konzentrationslager Buchenwald untergeordnet war, befand sich auf dem Flurstück 270 am Equipagenweg. Dort existierte bereits ab Oktober 1943 ein Barackenlager für Zwangsarbeiter, die in den umgebauten Werkhallen der Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. für Junkers Flugzeug- und Motorenwerke arbeiten mussten. Ein alliierter Luftangriff am 20. Februar 1944 zerstörte diese Holzbaracken. Beim anschließenden Wiederaufbau plante die Werksleitung bereits mit dem Einsatz von KZ-Häftlingen. Die nunmehr aus Stein errichteten Barracken wurden mit einem Stacheldraht umgeben, der nach der Erinnerung der Häftlinge elektrisch geladen war. [1] An drei Ecken des Lagers standen Wachtürme mit Suchscheinwerfern. [2]

Buchenwald schickte SS-Oberscharführer Alois Knittel als Kommandoführer nach Markkleeberg. Ihm unterstanden 18 SS-Männer, die das Lager nach außen hin absichern sollten, sowie 25 Aufseherinnen zur inneren Bewachung. Als Leiter des gesamten Lagerkomplexes, zu dem auch das Zwangsarbeiterlager auf dem ehemaligen Sportplatz des Vereins „Eintracht 04“ am Wolfswinkel gehörte, fungierte wahrscheinlich ein gewisser SS-Obersturmführer (nach anderen Angaben SS-Obersturmbannführer) [3] Wiegand, dessen Vorname nicht bekannt ist. [4]

Am 31. August 1944 kam der erste Transport mit insgesamt 500 weiblichen KZ-Häftlingen in Markkleeberg an. Mitarbeiter der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke hatten die Frauen und Mädchen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zur Zwangsarbeit ausgewählt. [5] Die Häftlinge waren allesamt Jüdinnen aus Ungarn, die zwischen Mitte Mai und Anfang Juli 1944 in der größten und schnellsten Einzelaktion der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ nach Auschwitz-Birkenau deportiert und bei den dortigen „Selektionen“ als „arbeitsfähig“ eingestuft worden waren. Wer als „arbeitsunfähig“ galt, wurde sofort nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Mit dem zweiten Transport am 15. Oktober 1944 kamen weitere 200 ungarische Jüdinnen aus Auschwitz-Birkenau in Markkleeberg an. Der dritte und vierte Transport am 25. Oktober und 6. Dezember 1944 brachte nochmal jeweils 300 Frauen und Mädchen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ende 1944 waren damit 1300 ungarisch-jüdische KZ-Häftlinge im Außenlager Markkleeberg. Zu den Jüngsten im Lager gehörten die beiden 13 und 14-jährigen Schwestern Erzsébet und Katalin Szász. Bei der „Selektion“ in Auschwitz hatten sie sich älter ausgegeben, als Kinder wären sie sonst – wie ihre übrigen Familienmitglieder – ermordet worden.

Bis auf 40 Frauen, die täglich unter Bewachung von SS-Angehörigen mit dem Zug nach Zwenkau fuhren, um dort in einem ehemaligen Pferdestall der Brauerei für Junkers zu arbeiten, waren die Gefangenen hauptsächlich zur Fertigung von Flugzeugteilen in der ehemaligen Kammgarnspinnerei eingesetzt. Ein Teil der Häftlinge musste unweit der Baracken in einer tiefen Mulde Steine aus dem Fels brechen, zerkleinern und sie zu einem anderen Teil des Lagers bringen. [6] Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und später in das KZ Bergen-Belsen deportiert, was den Tod bedeutete. [7] Wegen des Verdachts auf Sabotage im BMW-Werk Abteroda wurden am 12. und 26. Februar 1945 jeweils 125 Frauen, die der französischen Widerstandsbewegung Résistance angehörten, nach Markkleeberg gebracht. Zur Strafe und um zu verhindern, dass sie weitere Sabotageversuche unternahmen, wurden sie zu schwerster körperlicher Arbeit im Freien eingesetzt. [8] Im Lager bewohnten die Französinnen eine eigene Baracke, sodass sie nur wenig mit den jüdischen Gefangenen in Berührung kamen.

Sowohl die jüdischen als auch politischen Häftlingsfrauen litten nicht nur unter den unmenschlichen Bedingungen der Zwangsarbeit, sondern auch unter Mangelernährung und unzureichender Bekleidung. Die Baracken der Frauen und Mädchen waren unbeheizt und überfüllt, die hygienischen Bedingungen katastrophal. Auch Misshandlungen wie Schläge waren im Lager und in der Fabrik an der Tagesordnung. Außerdem gab es in Markkleeberg eine kalte und dunkle Arrestzelle, genannt Bunker. [9]

Neben den täglichen Zählappellen kam es auch mehrfach zu sogenannten Strafappellen, um die Gefangenen kollektiv zu bestrafen. [10] Dabei mussten die Frauen und Mädchen stundenlang auf dem Appellplatz stehen, mitunter auch knien. Am 6. Januar 1945 wurde die gesamte Lagerbelegschaft nach dem Duschen nackt auf dem Appellplatz getrieben. Nach Aussagen von Überlebenden sollen in dieser Nacht drei Frauen erfroren sein. [11] Bisher sind sieben jüdische Frauen aus Ungarn im Alter von 17 bis 41 Jahren für den Zeitraum vom 10. November 1944 bis zum 15. März 1945 als Todesopfer verzeichnet. [12]

Nach dem letzten Appell am 13. April 1945 wurde das Lager aufgrund des Vorrückens der West-Alliierten aufgelöst. In dem anschließenden Durcheinander konnten einige Frauen fliehen. Die verbliebenen 1539 Häftlingsfrauen wurden auf einen sogenannten Todesmarsch in Richtung Theresienstadt getrieben. Viele starben unterwegs an Entkräftung oder wurden von den Begleitmannschaften erschossen. Einige der Frauen, vor allem viele der französischen Gefangenen, konnten während des Marsches entkommen. In Theresienstadt wurden vom 30. April bis zum 4. Mai 1945 insgesamt 703 Überlebende aus Markkleeberg registriert.

Ende 1971 stellte die Staatsanwaltschaft Ludwigsburg das Verfahren gegen Kommandoführer Knittel und weitere SS-Männer ein, da Knittel inzwischen verstorben war und weitere Beschuldigte nicht ermittelt werden konnten. Wiegand setzte sich in den letzten Kriegstagen in Richtung Nürnberg ab. Da sein weiterer Verbleib unbekannt ist, wurde auch er für seine Taten nie zur Rechenschaft gezogen.

Seit Kriegsende bis in die Gegenwart nutzen Gewerbetreibende die Baracken des ehemaligen KZs als Produktionsort und Materiallager. Im Jahr 1993 sah ein Kompromiss zwischen der Stadt Markkleeberg und der Firma LEL GmbH, die das Gelände mittlerweile gekauft hatte, vor, dass die Baracke „E“ unter Denkmalschutz gestellt wird und an sie angebaut werden kann. Die anderen Baracken durften hingegen abgerissen werden, um Platz für neue Lager- und Produktionsgebäude zu schaffen.

Johannes Hohaus
© Kulturbahnhof e.V., Markkleeberg
25. August 2016